Über Sprachgrenzen hinweg

Für die meisten von uns ist es schon schwierig genug, nur eine Fremdsprache zu erlernen. Stina Sandgren, eine erfahrene Dolmetscherin im Europäischen Parlament (EP), spricht etwa ein halbes Dutzend der 24 Amtssprachen der EU. In unserem Webex-Gespräch spüre ich sofort ihre Begeisterung für Sprachen und ihre Leidenschaft für das Dolmetschen.

Wahre Sprachbegeisterung

Als ich sie frage, was sie dazu inspiriert hat, Dolmetscherin zu werden, erzählt mir Stina Sandgren von ihren faszinierenden Erfahrungen im Ausland, durch die sie eine europäische Sprache nach der anderen lernte. Im Alter von sechs Jahren zog Stina Sandgrens Familie von Schweden an den neuen Arbeitsplatz ihres Vaters in Liberia, Westafrika. Dort lernte sie Englisch in einer internationalen Schule.

Nach ihrer Rückkehr nach Schweden begann Stina Sandgren in der Oberstufe Französisch zu lernen und ging nach ihrem Abitur nach Paris, um Model zu werden. Sie studierte französische und englische Literatur und Soziologie an der renommierten Pariser Universität Sorbonne, die sich im Quartier Latin befindet. Da sich Stina Sandgren insbesondere für die romanischen Sprachen begeisterte, begann sie dort Spanisch zu lernen und besuchte anschließend die renommierte Pariser Dolmetscherschule ESIT (École Supérieure d’Interprètes et de Traducteurs).

Mit ihrem Abschlusszeugnis in der Tasche ergriff Stina Sandgren dann die Gelegenheit des bevorstehenden Beitritts Schwedens zur Europäischen Union im Jahr 1994 und bestand die Aufnahmeprüfung für die Dolmetscherabteilung des Parlaments. „Lebenslanges Lernen“ mag nur eines der vielen Schlagworte der EU sein, aber Stina Sandgren ist wahrlich ein Beispiel dafür, wie dies in der Praxis funktionieren kann. Schon bald, nachdem sie ihren Platz in der Dolmetscherkabine eingenommen hatte, fügte Stina Sandgren Spanisch zu ihrem Portfolio hinzu, bevor sie Italienisch lernte, das sie als ihre Lieblingssprache bezeichnet. Durch die Zusammenarbeit mit Kollegen aus der dänischen Dolmetscherkabine lernte sie auch die Sprache des Nachbarlandes von Schweden. Das veranlasst mich dazu zu fragen, ob sie Deutsch je Betracht gezogen habe (Wer kann es ihr jedoch verübeln, dass sie unsere Sprache ausgelassen hat?). Noch beeindruckender ist, dass sie sich gerade mit Niederländisch beschäftigt. Als ob das nicht schon genug wäre, erzählt mir Stina Sandgren, dass sie sich als Yoga-Enthusiastin für Sanskrit interessiere und dass sie vielleicht ihr Russisch wieder auffrischen möchte, wenn sie in Rente geht.

Dolmetschen im Parlament

Mit 25 Jahren Erfahrung kennt Stina Sandgren das Parlament eindeutig besser als die meisten Abgeordneten. Ich frage sie, was diesen Ort so besonders mache. Stina Sandgren erzählt mir selbstverständlich von der einzigartigen mehrsprachigen Atmosphäre des EP, aber auch, dass sie durch ihre Arbeit Einblicke in praktisch alle Aspekte des parlamentarischen Lebens bekommen habe. Sie dolmetschte unter anderem für Fraktionssitzungen, Ausschusssitzungen, Plenarsitzungen und viele Konferenzen. Stina Sandgren berichtet mir, dass es faszinierend sei, „Mäuschen zu spielen“ und politische Diskussionen aus nächster Nähe zu verfolgen. Ein weiterer Aspekt, der ihre Arbeit so spannend mache, sind die kulturellen Veranstaltungen und die berühmten Persönlichkeiten, die das Parlament besuchten, darunter Könige und Päpste, Präsidenten, Premierminister und Schauspieler. Sie erzählt mir eine amüsante Anekdote über den Besuch des Dalai Lama im EP, begleitet von einem gewissen Richard Gere, selbst ein Buddhist. Stina Sandgren erinnert sich an das „Verkehrschaos“, das dieser Besuch verursachte, da etliche (hauptsächlich weibliche) Kollegen zur Sitzung eilten, die Besucherplätze einnahmen und die sich in die Dolmetscherkabinen drängten, natürlich um den Dalai Lama zu sehen, aber auch Richard Gere.

Ich möchte mehr darüber erfahren, wie sich die Arbeit von Stina Sandgren im Parlament im Laufe der Jahre verändert hat, und frage sie nach dem Prestige der Sprache ihres Herzens, nämlich des Französischen. Zwar gibt sie zu, dass sie es liebend gerne sähe, wenn Französisch das Englische als Lingua franca des EP ablösen würde, aber Stina Sandgren räumt ein, dass dies nicht passieren werde. Zum Zeitpunkt des Beitritts Schwedens war die Sprache Molières noch die am meisten gesprochene im Parlament. Dieser Status schmolz nach der Erweiterung von 1995 schnell dahin und verschwand mit der Osterweiterung 2004 gänzlich. Dieser Trend werde sich auch nach dem Brexit nicht umkehren, prognostiziert Stina Sandgren, trotz aller französischen Bemühungen. Deutsch ist in der EU die am häufigsten gesprochene Muttersprache (18%), noch vor Französisch (13%). Interessanterweise hat Stina Sandgren jedoch beobachtet, dass die deutschen Abgeordneten in den vergangenen zehn Jahren zunehmend dazu übergegangen sind, Englisch zu verwenden. Künstliche Intelligenz (KI) könnte eine zukünftige Herausforderung für den Berufsstand der Dolmetscher darstellen. Stina Sandgren gibt zu, dass sie vor ein paar Jahren nicht geglaubt hätte, dass KI jemals Dolmetscher ersetzen könnte, aber sie sei sich dessen nicht mehr so sicher. Das werde zwar nicht gleich morgen passieren, aber für später könne man es nicht ausschließen. Sie fügt hinzu, dass Sprache etwas ganz Besonderes sei, etwas, das eine menschliche Komponente brauche. In der Tat sind Übersetzer von geschriebenen Texten wohl unmittelbarer davon gefährdet, durch KI ersetzt zu werden, als Dolmetscher des „gesprochenen Wortes“.

Das Dolmetschen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, nicht nur in Bezug auf die korrekte Übersetzung der Redebeiträge der Abgeordneten, sondern auch in Bezug auf die Vermittlung der Art und Weise, wie etwas gesagt wird. Eine Dolmetscherin, so betont Stina Sandgren, müsse alle Abgeordneten gleich und fair behandeln, unabhängig von deren politischen Einstellungen. Entgegen meiner Vermutung ist die Vermittlung von Ironie und Sarkasmus nicht die größte Herausforderung für Dolmetscher. Stattdessen sind kulturelle Bezugspunkte wie Zitate aus der Bibel oder Zeilen aus einem Shakespeare-Stück viel schwieriger spontan zu vermitteln. Glücklicherweise, so fügt Stina Sandgren hinzu, sei Dolmetschen Teamarbeit und die Kollegen würden sich immer gegenseitig aushelfen, auch in dem seltenen Fall, dass ein Kollege mal nicht weiterkommt. Es gibt zum Beispiel die so genannte „Hustentaste“, mit der sich Dolmetscher stummschalten und Kollegen um Hilfe bitten können. Um konzentriert zu bleiben, müssen die Dolmetscher regelmäßig Pausen machen, wobei sich die Regelungen von Kabine zu Kabine unterscheiden. Stina Sandgren erklärt mir, dass in den meisten Dolmetscherkabinen eine halbe Stunde gedolmetscht werde, bevor man an einen Kollegen übergebe. In der schwedischen Kabine gebe es jedoch keine feste Regel und die Dolmetscher würden sich bei jedem neuen Redner abwechseln. Das habe den Vorteil, dass die Dolmetscher in das Gespräch eingebunden blieben und in den Pausen nicht abgelenkt würden. Auch in den Pausen folgten die Dolmetscher dem Gespräch und notierten zum Beispiel Zahlen oder Aufzählungen für ihre Kollegen.

Dolmetschen während der Pandemie

Stina Sandgren wechselte kurz vor Ausbruch der Pandemie von der Dolmetscherkabine in das Besucherzentrum des EP. Für ihre ehemaligen Kollegen war die Krise eine immense Herausforderung. Da die Abgeordneten über WebEx zugeschaltet sind, hat das Dolmetschen aus der Ferne zu einem gewissen Gefühl der Distanz zu den Sitzungen geführt. Die Krise hatte auch Auswirkungen auf die Gesundheit der Dolmetscher. Mehrere Kollegen von Stina Sandgren berichteten von Hörproblemen oder sogar Tinnitus-Symptomen aufgrund der oft minderen Audioqualität der Videoanrufe. Dolmetscher waren eine der wenigen Berufsgruppen, die während der Lockdowns weiter im Parlament arbeiten durften. Dies verdeutlicht ihre enorme Bedeutung für die Arbeit des EP. Die Corona-Beschränkungen betrafen jedoch auch die Dolmetscherkabinen, die jeweils nur von einem Dolmetscher genutzt werden konnten. Für einen Beruf, der auf ständig wechselnde Teams angewiesen ist, war dies durchaus schwierig. Durch das häufige Reinigen konnten die Kabinen nicht mehr kontinuierlich genutzt werden. Weitere mobile Kabinen mussten außerhalb der Sitzungsräume aufgestellt werden, zum Beispiel im ersten Stock des Spaak-Gebäudes. Dennoch musste die Anzahl der Meetings mit Verdolmetschung reduziert werden.

Selbst unter normalen Umständen ist die Vielsprachigkeit der EU eine Herausforderung. Wer sich mit Stina Sandgren unterhält, versteht schnell, warum Dolmetscher unverzichtbar sind, um die europäischen Bürger mit ihren EU-Abgeordneten zu verbinden, indem sie unsere europäischen Sprachgrenzen überwinden.

Herzlichen Dank für das Interview.

Wilhelm Emmrich, Juni 2021

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