Mit viel Herzblut und perfektem Timing

Im Gegensatz zu mir sitzt Marinus van Greuningen nicht im Home-Office, sondern zieht es vor, am Ort des Geschehens erreichbar zu sein. Gespannt warte ich auf den Moment, wo van Greuningen, der für die Fahrer und den Fuhrpark des Europäischen Parlaments zuständig ist, seine Zoom-Kamera für unser Interview einschaltet. Während der in Belgien wohnende Holländer noch kurz außerhalb meines eingeschränkten Computerbildschirm-Blickfelds einem Kollegen auf Französisch antwortet, wendet er sich anschließend aufmerksam meinem Videoanruf zu, um unser Gespräch in perfektem Deutsch zu führen.

Der 65-Jährige sollte eigentlich schon längst im Ruhestand sein, aber ihn verbindet eben mehr als seine Mehrsprachigkeit mit dem EU-Parlament: „Ich bin vielleicht der am längsten dienenden Beamte in der EU“ sagt er, nicht ohne etwas Stolz in der Stimme. Er weiß, worauf es ankommt in dem Job, deshalb ist er auch derjenige, auf dessen Expertise man bei der sicherheitsbedingten Umstellung von externen Fahrern auf die EU-eigene Flotte von 120 Festangestellten nicht verzichten wollte. Nach 44 Jahren in verschiedensten Posten im Parlament weiß man schließlich, wie es läuft!

Aber selbst nach einer so langen Zeit gibt es immer wieder neue Entwicklungen, die den junggebliebenen Abteilungsleiter herausfordern. So soll die Fahrzeugflotte bis 2024 CO2-neutral werden, wofür nach und nach Hybrid-, Elektro- und Wasserstoffautos eingesetzt werden. Das beschäftigt van Greuningen in seinem Arbeitsalltag genauso wie das Managen der Fahrer, die von 7 bis 24 Uhr zur Verfügung stehen. Solche Arbeitszeiten sind natürlich nicht immer einfach und führten auch mal zu etwas Unzufriedenheit im Team, dennoch sei die Belegschaft „fast wie eine große Familie“.

Wie überall kam man jedoch auch hier um das Thema Corona nicht herum. Van Greuningen zeigt sich enttäuscht, dass der erfolgreiche Umgang mit der Krise von der Presse fast unerwähnt blieb, daher möchte der engagierte Fahrdienstleiter von der Corona-Strategie in seiner Abteilung erzählen. Der Raum mit normalerweise 80 zur Verfügung stehenden Fahrern ist wohl kaum Corona-tauglich, die Zahl wurde auf 12 reduziert. Und Abgeordnete im Home-Office benötigen ganz klar weniger Fahrer als üblicherweise.

Was macht man also mit der Flotte von 120 Fahrern? Wie es uns Corona so oft vor Augen geführt hat, macht Not erfinderisch – so auch hier: Statt ihren Job zu verlieren, wurden die Fahrer eingesetzt, um Essen an Krankenhäuser zu liefern, Obdachlose zu versorgen und Pflegepersonal zu transportieren – eine ganz klare Win-win-Situation! Wie bei so vielen Themen in der Europäischen Union komme es auf eine gelungene Kommunikation an, hier sieht van Greuningen ein Problem der EU, die ihre Bürger zu oft im Unklaren über erfolgreiche Projekte lasse.

Nun zurück zum täglichen Business, von dem van Greuning mit Begeisterung erzählt: Was braucht so ein Fahrer überhaupt, um die Abgeordneten der EU von A nach B zu bringen? Einfach nur Fahren können reiche nicht aus, das kann er, der diese Tätigkeit selber lange ausgeübt hat, mit Nachdruck sagen: Es dürfe nicht fehlen, dass man mehrere Sprachen spricht, außerdem seien Diskretion und Zuverlässigkeit unabdingbare Eigenschaften. Über die Soft Skills hinaus sei jedoch auch ein technisches Verständnis von großer Wichtigkeit.

Klar erkennbar strahlt der 65-Jährige selbst über den Bildschirm noch reichlich Energie aus, er ist hoch motiviert und darf mit seiner erstaunlich langen Laufbahn im Parlament in unserer „Faces of Parliament“-Reihe nicht fehlen – „in dem Moment, wo ich ins Auto steige und keine Lust mehr darauf habe, bin ich am Tag danach verschwunden“ – noch klingt das jedoch sehr hypothetisch!

Die EU ist für ihn ein Erfolgsrezept, kein Wundermittel, aber der richtige Weg, um trotz kultureller Unterschiede gemeinsam Lösungen zu finden – und da habe sich in den letzten 44 Jahren schon viel getan! Eine Botschaft möchte der überzeugte Europäer gegen Ende noch loswerden und die lässt sich in einem Wort zusammenfassen: „Wählen!“ Nur wer wählt dürfe sich hinterher auch über die Politik beschweren.

Vielen Dank für das Interview.

Hannah Schweren, Bad Homburg im Juli 2021

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