Johannes Haenicke, Pressesprecher der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament

Jul 20, 2021

Schnell, präzise und vielseitig

Johannes Haenicke ist so nah am Puls des europäischen Politikbetriebs wie kaum ein anderer. Als Pressesprecher der CDU/CSU-Gruppe in der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament beschäftigt er sich tagtäglich mit der Europapolitik. Er unterstützt die 29 Europaabgeordneten von CDU und CSU indem er dafür sorgt, dass sie immer auf dem neusten Stand des Zeitgeschehens sind, so wie er selbst auch. Im Interview erzählt mir Haenicke, „in Kürze 38“ Jahre alt, was hinter den Kulissen des Parlaments geschieht und warum er die belgische Hauptstadt „Brüssel“, welche vielen nur als abstraktes Zentrum der EU bekannt ist, als etwas ganz Besonderes empfindet.

Der gebürtige Bonner hat schon früh eine Karriere auf der europäischen Ebene im Blick gehabt und studierte in Maastricht Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Europa. Für junge Studierende, die diesen Weg gehen „ist Brüssel natürlich von vornherein grundsätzlich interessant“, sagt er mir mit einem Schmunzeln. So brachte es ihn direkt nach dem Bachelorstudium in die Hauptstadt Europas für ein „Gap Year“ im Europäischen Parlament. Aus dem sechswöchigen Praktikum bei einer Abgeordneten aus seiner Heimatstadt wurde dann schnell ein fester Job und eine Eintrittskarte für die Festeinstellung nach dem Masterstudium. In Brüssel stieg Haenicke dann beim damaligen CDU/CSU Gruppenvorsitzenden und MdEP Herbert Reul als Assistent ein und vertiefte sich die nächsten viereinhalb Jahre in die EU als Institution. Und obwohl es so klingen würde, als stände er schon von Anfang an mit einem Fuß in der Tür, weist Haenicke mit seiner bescheidenen und ehrlichen Art stets auf das nötige Quäntchen Glück in seiner Karriere hin.

Während ich Johannes Haenicke beim Reden zuhöre, staune ich immer mehr über die Vielfältigkeit seiner Rollen. In seiner Arbeit bringt es ihn gefühlt durch den gesamten politischen Prozess der EU – und so ist er als Pressesprecher bestens positioniert um das volle Spektrum der Themengebiete in Europa zu kennen. Auch wenn er von Haus aus kein Journalist ist. Bevor er im Sommer 2020 in die Pressestelle gewechselt ist, erlebte er in Brüssel unter anderem die Herausforderungen der Geschäftsstelle der CDU/CSU Gruppe, den Verkehrsausschuss und den Umweltausschuss als Referent für die EVP als auch die Europäische Kommission im Kabinett von Günther Oettinger. Nah am Parlament war Haenicke aber schon immer. Für Günther Oettinger kümmerte er sich um dessen Beziehungen zum Europaparlament. „Das ist immer eine feste Stelle in den Kabinetten der EU-Kommissare, weil dort auch einiges anfällt was Wünsche von Abgeordneten und Termine im Parlament angeht“, sagt er mir nüchtern. Auf die Frage, was ihn an seiner Arbeit so viel Spaß macht erzählt Haenicke, dass er die Schnelllebigkeit und Themenvielfalt genießt; „kein Tag in der Politik ist wie der andere – und das macht es einfach spannend“.

Natürlich sprechen wir auch über die Pandemie. Wie viele Arbeitnehmer dieser Generation kennt Haenicke seinen jetzigen Job nur in Corona-Zeiten. Dementsprechend hat sich auch sein Arbeitsalltag umgestellt – so kann er abends schon die Artikel für den nächsten Morgen in die Presseschau sortieren. „Das geht ja heutzutage alles digital“. Er verbringt auch viel Zeit mit dem Lesen von Nachrichten um herauszufinden, was sonst noch in der Welt passiert. „Zeitungen zu lesen ist als Pressesprecher eben ein Teil des Jobs“, sagt er mit einem Lachen. Abgesehen davon gibt es aber keine Routine, denn sein Arbeitsalltag hängt stark vom Tagesgeschehen in Brüssel als auch von dem, was sonst weltpolitisch gerade passiert, ab. Im Moment ist der deutsche Wahlkampf ein Hauptthema, denn die Union hat einen Kanzlerkandidaten der stark auf Europa setzt. Und ob er ab und an auch mal mit berühmten Politikern zusammenarbeitet und wie er sich dabei fühlt? „Ich empfinde das immer noch als Privileg, aber vor Ehrfurcht zu erstarren wäre das falsche Signal. Das sind Menschen wie du und ich.“

Man hört oft, dass Brüssel, besonders in Bezug auf das Parlament, ein sehr lebhafter Ort sei, an dem viel kultureller Austausch stattfindet. Diese Kontakte sind aufgrund der Pandemie leider größtenteils weggefallen. Als Ausgleich treibt Haenicke derzeit also viel Sport – für jemanden der viel am Schreibtisch Zuhause sitzt ist die Möglichkeit Joggen zu gehen oder Fahrrad zu fahren sehr wichtig. Dennoch unterhalten wir uns auch über das Leben in Brüssel in den Vor-Corona-Zeiten. Den Austausch mit Kollegen und Kolleginnen findet er „ganz toll und bereichernd. Das Parlament ist ein einmaliger und unvergleichbarer Arbeitsplatz.“ Insbesondere zieht es die jungen Leute aus ganz Europa direkt nach dem Studium nach Brüssel, so wie bei ihm damals. „Dadurch entsteht eine ganz tolle Dynamik. Selbst bei der UN findet man so etwas nicht.“ Gerade dieser spontane Austausch des Brüsseler Lebens fehlt vielen jetzt. Für Menschen wie Johannes Haenicke, die hier leben und arbeiten, repräsentiert die Stadt viel mehr als nur ein Arbeitsort. Mittlerweile ist Brüssel durch Beruf und Privatleben zur Heimat geworden. Er möchte in Brüssel bleiben und „plant es auch nicht anders“.

Am Ende des Gesprächs sprechen wir nochmal darüber, ob er Tipps für junge Leute hat, die im Herzen der EU arbeiten möchten. „Man sollte es einfach mal probieren. Sich bewerben. Die Augen und Ohren offenhalten“. Die Offenheit und Anpassungsfähigkeit, die er den jungen Menschen empfiehlt, spiegeln sich in unserem Gespräch in den Erzählungen von Haenicke über seine eigene Arbeit wieder. Sie untermauern wie er in Brüssel seinen Lebensmittelpunkt finden konnte, und warum er als überzeugter Europäer langfristig in der Stadt bleiben möchte. Und was bedeutet Europa eigentlich für ihn?

„Chancen, Zukunft und Sicherheit.“

Vielen Dank für das Interview.

Daniel Tafelski, Juli 2021

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