Carlos Duarte Vila Flor, Saaldiener im Europäischen Parlament

Der 53-Jährige Carlos Duarte Vila Flor ist geborener Belgier und lebt schon sein ganzes Leben in Brüssel. Er ist nun seit vier Jahren im Europa Parlament als Konferenzusher tätig. Viele Menschen, darunter auch ich, können sich unter dieser Position zunächst nicht sehr viel vorstellen. Umso spannender fand ich das Interview mit Carlos, als er mir […]

Nov 22, 2021

Der 53-Jährige Carlos Duarte Vila Flor ist geborener Belgier und lebt schon sein ganzes Leben in Brüssel. Er ist nun seit vier Jahren im Europa Parlament als Konferenzusher tätig. Viele Menschen, darunter auch ich, können sich unter dieser Position zunächst nicht sehr viel vorstellen. Umso spannender fand ich das Interview mit Carlos, als er mir mit viel Leidenschaft über seine Tätigkeiten im Europäischen Parlament erzählte.

Carlos hat, bevor er im EU-Parlament tätig wurde, in der Europäischen Kommission für ein Jahr als Usher gearbeitet. Hier hat er bereits einen Einblick in die Arbeitsweise einer europäischen Institution gesammelt und in einer multikulturellen Arbeitsatmosphäre gearbeitet. Die Zusammenarbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern hat ihm sehr viel Spaß gemacht. Die Vielfalt der Sprachen war für ihn besonders spannend.

Nachdem er bei der Europäischen Kommission war, fing er im Eventbereich des privaten Sektors an zu arbeiten. Hier arbeitete er insgesamt 12 Jahre lang und hat viel Erfahrung in der Eventplanung gesammelt. Dennoch entschied er sich nach einem anderen Job Ausschau zu halten, der ihm einen angenehmeren Arbeitsrhythmus geben würde. So ist er auf Empfehlung eines Freundes wieder zur EU-Arbeitswelt zurückgekehrt. Diese Entscheidung seinen Job zu wechseln nannte er selbst als gutes Timing, weil die Eventbranche sehr hart von der Covid-19 Pandemie getroffen wurde.

Die Konferenzusher spielen eine unscheinbar wirkende, aber wichtige Rolle. Sie sind zwar nicht immer für alle sichtbar, aber dafür zuständig, dass die Plenarsitzungen in Brüssel und Straßburg sowie alle regulären und außerordentlichen Sitzungen (d.h. die Ausschusssitzungen, Fraktionssitzungen, Sitzungen der Europäischen Kommission, die Konferenz der Präsidenten und die Triloge) reibungslos ablaufen. Das bedeutet, dass sie einerseits bis zu 400 Sitzungen in der Woche organisatorisch vorbereiten, indem sie den Plenarsaal für die Europaabgeordneten und weiteren Gäste gestalten (bspw. die Aufstellung von Namensschildern). Andererseits müssen sie dafür sorgen, dass die Mitglieder des Europäischen Parlaments (MdEP) alles haben, was sie für die Sitzung benötigen, und dass es zu keinen Störungen kommt. Somit sind Konferenzusher auch für die Sicherheit der Gäste im Plenarsaal verantwortlich. Sie gehören zu den wenigen Personen, die zum Halbkreis des Plenarsaals Zutritt haben. Zu ihren Aufgaben gehören die Unterstützung des Personals der Präsidentschaft bei organisatorischen Tätigkeiten, die Platzzuweisung von MdEPs und Gästen sowie die Weitergabe von Dateien oder Nachrichten an die MdEPs. Da sie bei den Plenarsitzungen mit anwesend sind, müssen die Konferenzusher diskret und vertraulich mit den Informationen und Details der Sitzungen umgehen.

Carlos erklärte mir, dass Konferenzusher öfters einen eleganteren Anzug mit Fliege und einem Accessoire, eine silberne Kette an der eine Medaille hängt, tragen. Der besondere Anzug und die Kette stammen aus den Zeiten der französischen Revolution. Denn in der französischen Nationalversammlung wurden die Türen des Saals zerstört. Dies führte dazu, dass sogenannte huissier (französisch für Usher) die Aufgabe bekamen, die Türrahmen des Saals mithilfe einer silbernen Kette zu versperren. Heutzutage werden diese Ketten bei Plenarsitzungen und zur Begrüßung hochrangiger Gäste, wie beispielsweise Könige, Minister oder Botschafter, getragen. Die an der Kette befestigte Medaille enthält die 12 Sterne der Europaflagge und symbolisiert damit die europäische Gemeinschaft.

Auf die Frage, was Carlos am meisten an seiner Arbeit schätze, antwortete er, „dass er sich darüber freut, so vielen unterschiedlichen Gästen seinen Dienst anbieten und sie unterstützen zu können“. Zudem ist er immer froh, wenn Sitzungen wunschgemäß ablaufen und die Gäste zufrieden waren. Er sieht seine Arbeit und Arbeitseinheit als ein „kleines Rädchen in der Mechanik des Europäischen Parlaments“. Auch die Verantwortung und das Gefühl, „Teil von etwas Großem“ zu sein, machen diesen Job für Carlos so aufregend und spannend. Die Multikulturalität und Diversität des EU-Parlaments motivierten ihn dazu, sich beim Parlament zu bewerben. Ihm gefällt seine Arbeit, weil sie nie langweilig oder monoton wird, da jeden Tag etwas Neues passiert und er mit unterschiedlichen Menschen zusammenarbeiten darf.

Damit alles reibungslos ablaufen kann, ist vor allem Teamarbeit und dass die ganze Arbeitseinheit der Ushers mit „an Bord ist“, wichtig. Für Carlos ist sein Team wie eine „kleine Repräsentation der EU“, weil alle aus unterschiedlichen Ländern kommen mit diversen Sprachen und Kulturen. Er fühlt sich sehr wohl in seiner Einheit, weil alle engagiert sind und es viel Teamgeist gibt.

Die Arbeit der Ushers während den Sitzungen kann aber auch sehr stressig sein, weil sie für Ordnung und Sicherheit sorgen müssen. „Die Kunst liegt darin, den Gästen nicht zu zeigen, dass man gestresst ist oder dass etwas gerade schief läuft“, erzählte mir Carlos. „Es ist wichtig“, so Carlos weiter, „dass man ruhig und gelassen bleibt, auch wenn nicht alles nach Plan verläuft“. Denn die Gäste sollen eine angenehme Sitzung abhalten können ohne Stresssituationen oder Chaos.

Corona
Carlos und seine Arbeitseinheit haben zu Beginn der Covid-19 Pandemie an der Umsetzung von neuen digitalen Formaten, insbesondere des Hybridmodus, für die Sitzungen mitgearbeitet. Ihre Arbeit war besonders in diesen Zeiten wichtig, um sicherzustellen, dass das EU-Parlament weiter arbeitsfähig blieb.

Vielen Dank für das spannende Interview!
Leyla Zarringhalami, Brüssel im November 2021

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